Kußmomente

"Laß uns nach Cannonhill Park fahren und spazieren gehen. Ich hol dich ab." sagst du und obwohl ich in meinem Leben noch nicht auf einem offiziellen Date war, schon gar nicht mit Hangover, ist die Aussicht auf Sonnenschein und frische Luft und Herzflimmern zu verlockend. An dein Gesicht kann ich mich zwar nicht mehr so genau erinnern - too many Cosmopolitans, definitiv - was mich etwas nervös macht, denn wer verbringt schon gerne den Sonntagnachmittag mit einem unattraktiven Manne in einem bewaldeten Park, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und so sitze ich eine Stunde später auf dem Mäuerchen vor der Postfiliale und warte und male mir Horrorszenarien aus in denen ein älterer Herr und sein protziges Auto eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Du würdest dich fünf Minuten verspäten, hast du gesagt, doch aus den fünf Minuten werden zehn und dann zwölf und ich füge gerade den Horrorszenarien in Gedanken ein "bestellt und "nicht abgeholt" hinzu, als du in deinem uralten Mercedes den Bordstein entlanggeschreddert kommst. "Hey", sagst du, als ich mich zum Fenster runterbeuge. "Hey." Du strahlst mich an und öffnest mir von innen die Tür. "Hüpf rein. Ich muß nur schnell bei der Tankstelle vorbei."
Die ersten Minuten verbringen wir schweigend. Als wir an einer roten Ampel halten siehst du mich leicht amüsiert an. "Surreal, das. Oder?" "Ja", sage ich, "surreal." Und wir sehen uns zum ersten Mal richtig in die Augen. Irgendwo zwischen Herz und Magen regen totgeglaubte Schmetterlinge verschlafen ihre Flügel.
An der Tankstelle holst du eine Flasche Wasser und ich betrachte deine Rückenpartie, als du entspannt Richtung Kasse gehst. "Netter Hintern", denke ich, "mein lieber Schwan." Bevor du wieder einsteigst, streichst du mir im Vorbeigehen über den nackten Unterarm und grinst verstohlen. Die Schmetterlinge schlagen aufgeregt ihre Flügel zusammen.
Auf dem Weg nach Cannonhill reden wir wenig. Schweigen ist angenehm mit dir. Von Zeit zu Zeit siehst du mich von der Seite an und ich muß jedesmal grinsen, weil du dabei so prüfend schaust.
Im Park kaufst du mir Tee mit Milch und wir setzen uns auf die Wiese mitten zwischen picknickende Großfamilien. Du teilst dein Schinkensandwich mit mir und wir reden über unsere Jobs, das Leben in fremden Städten und die Absurdität von ersten Dates. Zwei Stunden und zwei Kilometer Forststraße später reden wir immer noch und ich weiß jetzt, daß du Brüder und Schwestern hast, daß du nicht verstehst, wieso deine Eltern noch verheiratet sind, daß du gerne Motorradfahren lernen würdest und daß ich dich am liebsten auf der Stelle bespringen würde.
Irgendwann, die geteerte Forststraße ist schon lange in einen Schotterweg übergegangen, Krüppelkiefern und Heidekraut soweit das Auge reicht, setzen wir uns unter ein paar Birken ins Gras. "Mei bin ich müde. Ich glaub ich muß mich kurz hinlegen", sagst du und rubbelst dir verschlafen die Augen. "Mach nur", sage ich und du streckst dich auf dem struppigen Gras aus und gluckst mit geschlossenen Augen zufrieden in dich hinein. "Was ist denn so lustig?" "Gar nichts." Deine Mundwinkel zucken und ich muß lachen. "Hm hm." sagst du und ich lehne mich zurück, bis mein Kopf an deiner Schulter liegt. Du legst deinen Arm um mich, die Augen immer noch geschlossen, deine Hand leicht auf meiner Hüfte. Ich kann dein Herz schlagen hören, schnell und regelmäßig. Eine Zeitlang liegen wir umschlungen da, dein Herz beruhigt sich, meines auch. Du riechst nach Waschmittel, Seife und Sommer und ein bißchen nach Tabak. Während du schläfst betrachte ich dein Gesicht, das mir so fremd und schon so vertraut ist; deine grauen Schläfen, dein leicht ergrauter Stoppelbart, die Lachfältchen um deine Augen, die Narbe auf deiner linken Wange. Mit der Zeigefingerspitze verfolge ich Linien, überschreite Grenzen, manchmal muß man spüren, um zu sehen. Als ich deinen Mundwinkel berühre, lächelst du. Wir sehen uns an, ganz ernst, und ich denke kurz an mögliche Kußinkompatibilität. Dein Herz schlägt schnell unter meiner Hand, mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Als sich unsere Lippen berühren, macht das deine einen Sprung. In meinem Magen tausend Schmetterlinge. Von Kußinkompatibilität keine Spur.

inspiriert von ihr und einem langen Abschied

Unbewegte Massen

Die Briten sind, was ihren Umgang mit Fremden angeht, besser als ihr Ruf. Klar, sie erzählen einem nicht gleich lustige Geschichten aus dem Privatleben, aber sie sind definitiv genießbarer als so mancher Kontinentaleuropäer. Wo sonst warten die Rastafari-Müllmänner geduldig im Vorgarten, weil man wieder mal vergessen hat, daß Mittwochs Papierrecyclingtag ist, und tragen einem den Recyclingbehälter sogar noch zurück bis an die Haustüre, weil man ja im Pyjama und außerdem barfuß ist? Wo sonst fragt einen die Waitrose Kassiererin ob man die Grippe denn auch gut überstanden habe, nachdem man eine Woche vorher mit 40 Grad Fieber und laufender Nase im Supermarkt herumgestolpert war? Wo sonst nennt einen der Gasmann "Love" und der Postler "Madam"? Eben.

Komischerweise packen die Briten ihre stiff upper lip leider immer dann aus, wenn es ums musikalische Amüsement geht. In den letzten zwei Jahren war ich auf einigen Konzerten und immer war es dasselbe Spiel. Ob kleiner Gig oder großes Konzert, von Prospect Lane bis Hot Hot Heat, von Maroon 5 bis Jack Johnson, der durchschnittliche Brite steht und schaut doof, von Spaß keine Spur. Nun mag das zum Teil daran liegen, daß manche Bands mit dem Publikum nicht wirklich interagieren - siehe Jack Johnson - aber Maroon 5? Also bitte! Tanzbarer gehts bald nicht mehr!
Letzte Woche war ich also auf drei Konzerten. Den Anfang machten Envy & other Sins, die zwar nicht unbedingt spritzig mit dem Publikum interagieren, aber sehr tanzbare, mitsingbare Musik produzieren. Alas, das Publikum stand und schlief, um dann am Ende jedes Liedes völlig unvermittelt in lautes Geschrei auszubrechen. Für ungefähr zehn Sekunden, wohlgemerkt. Es war geradezu peinlich. Nun sind die meisten Fans von Envy gleichzeitig auch deren Freunde und gehören außerdem zur intellektuell-sophisticateten Szene, wo ein gelangweilter Gesichtsausdruck modisches Accessoire ist, was die gelähmte Stimmung erklären könnte.
Interessanterweise war es beim Matchbox 20 Konzert drei Tage später aber dasselbe Spiel. 2000 Leute standen in der Gegend herum und langweilten sich. Und die hatten immerhin 25 Pfund Entritt bezahlt um eine Band zu sehen, die sie anscheinend mochten. Und so sehr sich Herr Rob Thomas auch bemühte, der Funke wollte einfach nicht überspringen.

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drop beats not bombs (c) bad.pixies 2008

Nach dem Konzert schwangen Freundin S. und ich uns ein paar Straßen weiter aufs Drop Beats Not Bombs Festival, wo ich einen Fotoauftrag hatte. Als wir um 23 Uhr am Warehouse eintrudelten war die Party schon im vollen Gange. Drum and Bass, Funk, Jazz, Rock...überall tanzende Leute jeden Alters, Ravemädchen, Rastas, Rocker. Sogar Bob Lamb wagte in der Technohalle ein Tänzchen. Meine Freunde von 360 hatte ihren Auftritt um 4 Uhr 30 morgens vor leicht dezimiertem und ziemlich müdem Publikum und die meisten Mitglieder der Band schliefen als Folge eines bereits drei Tage dauernden Gig Marathons fast im Stehen ein. Die Zeichen für ein energetisches Konzert standen also denkbar ungünstig. 45 Minuten später spielten die Jungs ihre dritte Zugabe, das Publikum tanzte, die Bläsersektion sang sich die Seele aus dem Leib und sogar das Harmonium kam wiederholt zum EInsatz. Und nach dieser unterhaltungstechnischen Glanzleistung wurde mir von jedem einzelnen Bandmitglied versichert, daß das nächste Konzert "wieder um einiges" besser werden würde, man könne das Publikum ja nicht einfach so hängen lassen. Hm ja. Wenn sich bloß alle Musiker solche Sorgen um den eigenen Unterhaltungswert machen würden...
Und die Moral von der Geschichte? Manche Bands habens drauf, andere nicht. Die britischen Massen zu bewegen ist eine Kunst. Und wer nicht tanzt ist selber schuld.

360 live at drop beats not bombs
360 live at drop beats not bombs (c) bad.pixies 2008

Life, Chop Suey

feingehackt und grob gewürfelt

Frau A.

Wohnt auf einer nahezu flachen Insel. Mag Kinder, Viren und Hunde. Kann Kühe melken. Bewegt sich am liebsten auf einem Brett fort. Würde gerne dreisprachig sein. Verehrt Hugh Laurie. Liebt schnöde amerikanische Fernsehserien, britischen Humor und kluge Bücher. Ist nach aussen nett und nach innen sarkastisch-misanthropisch. Hat ein Zweitgehirn und ist verschwestert mit den uneineiigsten eineiigen Zwillingen der Welt. Wird nächstes Jahr einen Bestseller schreiben und in Frühpension gehen.

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Was die anderen sagen...

In solchen Momenten merkt...
In solchen Momenten merkt man am meisten, dass man...
nessy - 11. Mai, 12:15
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ach, soo schwer ist das gar nicht. man kann sich ja...
theswiss - 22. Apr, 21:54
facebook ist mein tod...
facebook ist mein tod und verderben. ich komm zu gar...
Frau A. (anonym) - 22. Apr, 21:44
ich hab ja leider eine...
ich hab ja leider eine sehr strikte anti-applications...
Frau A. (anonym) - 22. Apr, 21:43
In Wien gibt's ja bald...
In Wien gibt's ja bald was ganz anderes zum Ablichten.
ChliiTierChnübler (anonym) - 22. Apr, 20:47

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Zuletzt aktualisiert: 11. Mai, 12:15