Unspoken
X.,
wenn du einen Wunsch frei hättest, was würdest du dir wünschen? Nein, frag mich nicht, was ich mir wünschen würde. Ich weiss es nicht. Wenn ich traurig bin wünsche ich mir manchmal, du wärst hier und ich könnte dich einfach anrufen, wenn mir danach ist. Ich würde gerne mit dir am Küchentisch sitzen, einen Instantcappucchino trinken, reden und dabei eine von deinen Zigaretten rauchen. Die hast du mir ja immer aufgeschwatzt, weil sie hundertmal leichter - und damit natürlich viel gesünder- waren, als meine Gauloises.
Aber das Leben ist nun mal, wie es ist, und du bist nicht hier. Manchmal wache ich morgens mit dem seltsamen Gefühl auf, es wäre etwas Schlimmes passiert und ich müsste mich erst daran erinnern. Es ist fast so, als wäre ein Teil meines Gedächtnisses über Nacht durch ein Vakuum ersetzt worden. Dann fühle ich mich den ganzen Tag, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen.
Manchmal habe ich Angst, dass ich dich irgendwann vergesse oder dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wie das Leben mit dir war. Ganz am Anfang konnte ich mir dein Gesicht nicht vorstellen. Wo du sein solltest, war nur eine verschwommene Fläche. Über zwei Monate lang habe ich kein einziges Foto von dir angesehen, weil ich Angst hatte, du könntest mir fremd vorkommen. Auch jetzt habe ich nur zwei Fotos von dir. Das eine, das dein Fotografenfreund von dir gemacht hat, als du zwanzig warst. Du schaust frontal in die Kamera und man sieht nur dein Gesicht, ganz ernst. Das andere Foto ist aus irgendeinem Urlaub. Du lächelst und bist wunderschön.
Kannst du dich noch an unser letztes Telefongespräch erinnern? Wir hatten uns gestritten, weil ich am Wochenende eigentlich zu dir fahren wollte und mich in letzter Minute dagegen entschieden hatte. Wir haben uns ja selten angeschrien, aber in diesem Gespräch haben wir uns wirklich nichts geschenkt. Abends, als ich in der U-Bahn auf dem Weg nach Hause war, hast du mich angerufen und dich entschuldigt. Das war typisch für dich. Trotzdem frage ich mich oft, ob du vielleicht schon geahnt hattest, was am nächsten Tag passieren würde. Und was für ein wunderbarer Tag war das. Sonnig. Warm. Noch fünf Tage bis zu meinem 23. Geburtstag. Als das Telefon geklingelt hat, war ich gerade in der Küche und wollte die Pizza in den Ofen schieben. Ich kann mich noch erinnern, dass ich ganz ruhig war und dass ich wusste, es gibt kein Zurück. Als ich aufgelegt hatte, hätte ich mich am liebsten übergeben. Stattdessen habe ich mich auf den Boden gesetzt und angefangen zu weinen.
Es ist jetzt fast drei Jahre her, dass du einfach aufgehört hast zu atmen. Ich weiss, du wolltest immer im Schlaf sterben oder zumindest schnell und als ich mich auf der Intensivstation von dir verabschiedet habe, hast du friedlich ausgesehen, also hattest du vermutlich recht, was das betrifft. Darüber bin ich froh. Aber manchmal wünsche ich mir, ich hätte Zeit gehabt, mich auf das Unvermeidliche vorzubereiten.
In Filmen reden die Leute oft davon, dass sie sich noch so viel zu sagen gehabt hätten. Auf mich trifft das nicht zu. Ich habe dir alles gesagt, was zählt. Ich liebe dich. Ich vermisse dich. Und wenn ich sterbe, werden wir uns wiedersehen. Im Himmel oder in der Hölle oder wo auch immer sie uns kleine Heiden sonst hintun.
"Down the middle drops one more grain of sand.
They say that new life makes losing life easier to understand.
Words are kind, they help ease the mind, I miss my old friend.
Got to go, we'll keep a piece of your soul.
One goes out, one comes in."



