Unbewegte Massen
Die Briten sind, was ihren Umgang mit Fremden angeht, besser als ihr Ruf. Klar, sie erzählen einem nicht gleich lustige Geschichten aus dem Privatleben, aber sie sind definitiv genießbarer als so mancher Kontinentaleuropäer. Wo sonst warten die Rastafari-Müllmänner geduldig im Vorgarten, weil man wieder mal vergessen hat, daß Mittwochs Papierrecyclingtag ist, und tragen einem den Recyclingbehälter sogar noch zurück bis an die Haustüre, weil man ja im Pyjama und außerdem barfuß ist? Wo sonst fragt einen die Waitrose Kassiererin ob man die Grippe denn auch gut überstanden habe, nachdem man eine Woche vorher mit 40 Grad Fieber und laufender Nase im Supermarkt herumgestolpert war? Wo sonst nennt einen der Gasmann "Love" und der Postler "Madam"? Eben.
Komischerweise packen die Briten ihre stiff upper lip leider immer dann aus, wenn es ums musikalische Amüsement geht. In den letzten zwei Jahren war ich auf einigen Konzerten und immer war es dasselbe Spiel. Ob kleiner Gig oder großes Konzert, von Prospect Lane bis Hot Hot Heat, von Maroon 5 bis Jack Johnson, der durchschnittliche Brite steht und schaut doof, von Spaß keine Spur. Nun mag das zum Teil daran liegen, daß manche Bands mit dem Publikum nicht wirklich interagieren - siehe Jack Johnson - aber Maroon 5? Also bitte! Tanzbarer gehts bald nicht mehr!
Letzte Woche war ich also auf drei Konzerten. Den Anfang machten Envy & other Sins, die zwar nicht unbedingt spritzig mit dem Publikum interagieren, aber sehr tanzbare, mitsingbare Musik produzieren. Alas, das Publikum stand und schlief, um dann am Ende jedes Liedes völlig unvermittelt in lautes Geschrei auszubrechen. Für ungefähr zehn Sekunden, wohlgemerkt. Es war geradezu peinlich. Nun sind die meisten Fans von Envy gleichzeitig auch deren Freunde und gehören außerdem zur intellektuell-sophisticateten Szene, wo ein gelangweilter Gesichtsausdruck modisches Accessoire ist, was die gelähmte Stimmung erklären könnte.
Interessanterweise war es beim Matchbox 20 Konzert drei Tage später aber dasselbe Spiel. 2000 Leute standen in der Gegend herum und langweilten sich. Und die hatten immerhin 25 Pfund Entritt bezahlt um eine Band zu sehen, die sie anscheinend mochten. Und so sehr sich Herr Rob Thomas auch bemühte, der Funke wollte einfach nicht überspringen.

drop beats not bombs (c) bad.pixies 2008
Nach dem Konzert schwangen Freundin S. und ich uns ein paar Straßen weiter aufs Drop Beats Not Bombs Festival, wo ich einen Fotoauftrag hatte. Als wir um 23 Uhr am Warehouse eintrudelten war die Party schon im vollen Gange. Drum and Bass, Funk, Jazz, Rock...überall tanzende Leute jeden Alters, Ravemädchen, Rastas, Rocker. Sogar Bob Lamb wagte in der Technohalle ein Tänzchen. Meine Freunde von 360 hatte ihren Auftritt um 4 Uhr 30 morgens vor leicht dezimiertem und ziemlich müdem Publikum und die meisten Mitglieder der Band schliefen als Folge eines bereits drei Tage dauernden Gig Marathons fast im Stehen ein. Die Zeichen für ein energetisches Konzert standen also denkbar ungünstig. 45 Minuten später spielten die Jungs ihre dritte Zugabe, das Publikum tanzte, die Bläsersektion sang sich die Seele aus dem Leib und sogar das Harmonium kam wiederholt zum EInsatz. Und nach dieser unterhaltungstechnischen Glanzleistung wurde mir von jedem einzelnen Bandmitglied versichert, daß das nächste Konzert "wieder um einiges" besser werden würde, man könne das Publikum ja nicht einfach so hängen lassen. Hm ja. Wenn sich bloß alle Musiker solche Sorgen um den eigenen Unterhaltungswert machen würden...
Und die Moral von der Geschichte? Manche Bands habens drauf, andere nicht. Die britischen Massen zu bewegen ist eine Kunst. Und wer nicht tanzt ist selber schuld.

360 live at drop beats not bombs (c) bad.pixies 2008



