Dienstag, 6. Mai 2008

Kußmomente

"Laß uns nach Cannonhill Park fahren und spazieren gehen. Ich hol dich ab." sagst du und obwohl ich in meinem Leben noch nicht auf einem offiziellen Date war, schon gar nicht mit Hangover, ist die Aussicht auf Sonnenschein und frische Luft und Herzflimmern zu verlockend. An dein Gesicht kann ich mich zwar nicht mehr so genau erinnern - too many Cosmopolitans, definitiv - was mich etwas nervös macht, denn wer verbringt schon gerne den Sonntagnachmittag mit einem unattraktiven Manne in einem bewaldeten Park, aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Und so sitze ich eine Stunde später auf dem Mäuerchen vor der Postfiliale und warte und male mir Horrorszenarien aus in denen ein älterer Herr und sein protziges Auto eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Du würdest dich fünf Minuten verspäten, hast du gesagt, doch aus den fünf Minuten werden zehn und dann zwölf und ich füge gerade den Horrorszenarien in Gedanken ein "bestellt und "nicht abgeholt" hinzu, als du in deinem uralten Mercedes den Bordstein entlanggeschreddert kommst. "Hey", sagst du, als ich mich zum Fenster runterbeuge. "Hey." Du strahlst mich an und öffnest mir von innen die Tür. "Hüpf rein. Ich muß nur schnell bei der Tankstelle vorbei."
Die ersten Minuten verbringen wir schweigend. Als wir an einer roten Ampel halten siehst du mich leicht amüsiert an. "Surreal, das. Oder?" "Ja", sage ich, "surreal." Und wir sehen uns zum ersten Mal richtig in die Augen. Irgendwo zwischen Herz und Magen regen totgeglaubte Schmetterlinge verschlafen ihre Flügel.
An der Tankstelle holst du eine Flasche Wasser und ich betrachte deine Rückenpartie, als du entspannt Richtung Kasse gehst. "Netter Hintern", denke ich, "mein lieber Schwan." Bevor du wieder einsteigst, streichst du mir im Vorbeigehen über den nackten Unterarm und grinst verstohlen. Die Schmetterlinge schlagen aufgeregt ihre Flügel zusammen.
Auf dem Weg nach Cannonhill reden wir wenig. Schweigen ist angenehm mit dir. Von Zeit zu Zeit siehst du mich von der Seite an und ich muß jedesmal grinsen, weil du dabei so prüfend schaust.
Im Park kaufst du mir Tee mit Milch und wir setzen uns auf die Wiese mitten zwischen picknickende Großfamilien. Du teilst dein Schinkensandwich mit mir und wir reden über unsere Jobs, das Leben in fremden Städten und die Absurdität von ersten Dates. Zwei Stunden und zwei Kilometer Forststraße später reden wir immer noch und ich weiß jetzt, daß du Brüder und Schwestern hast, daß du nicht verstehst, wieso deine Eltern noch verheiratet sind, daß du gerne Motorradfahren lernen würdest und daß ich dich am liebsten auf der Stelle bespringen würde.
Irgendwann, die geteerte Forststraße ist schon lange in einen Schotterweg übergegangen, Krüppelkiefern und Heidekraut soweit das Auge reicht, setzen wir uns unter ein paar Birken ins Gras. "Mei bin ich müde. Ich glaub ich muß mich kurz hinlegen", sagst du und rubbelst dir verschlafen die Augen. "Mach nur", sage ich und du streckst dich auf dem struppigen Gras aus und gluckst mit geschlossenen Augen zufrieden in dich hinein. "Was ist denn so lustig?" "Gar nichts." Deine Mundwinkel zucken und ich muß lachen. "Hm hm." sagst du und ich lehne mich zurück, bis mein Kopf an deiner Schulter liegt. Du legst deinen Arm um mich, die Augen immer noch geschlossen, deine Hand leicht auf meiner Hüfte. Ich kann dein Herz schlagen hören, schnell und regelmäßig. Eine Zeitlang liegen wir umschlungen da, dein Herz beruhigt sich, meines auch. Du riechst nach Waschmittel, Seife und Sommer und ein bißchen nach Tabak. Während du schläfst betrachte ich dein Gesicht, das mir so fremd und schon so vertraut ist; deine grauen Schläfen, dein leicht ergrauter Stoppelbart, die Lachfältchen um deine Augen, die Narbe auf deiner linken Wange. Mit der Zeigefingerspitze verfolge ich Linien, überschreite Grenzen, manchmal muß man spüren, um zu sehen. Als ich deinen Mundwinkel berühre, lächelst du. Wir sehen uns an, ganz ernst, und ich denke kurz an mögliche Kußinkompatibilität. Dein Herz schlägt schnell unter meiner Hand, mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Als sich unsere Lippen berühren, macht das deine einen Sprung. In meinem Magen tausend Schmetterlinge. Von Kußinkompatibilität keine Spur.

inspiriert von ihr und einem langen Abschied

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nessy - 11. Mai, 12:15

In solchen Momenten merkt man am meisten, dass man lebt.
Danke für diese schöne Geschichte.

zurückgekehrter maorihäuptling (anonym) - 13. Mai, 13:16

genau sowas...

...wollen wir lesen!

wir haben mit dir das eine oder andere tief durchgemacht, da sind dann die darauffolgenden hochs um so schöner!

love is all around us:-)

lg t.

Frau A. - 13. Mai, 13:43

jaha, love is all around us ABER besagte kußgeschichte ist leider "a blast from the past" - daher auch in der kategorie "reminiszent betrachtet" abgelegt ;)
aber keine sorge, mein (liebes)leben hat gegenwärtig großen unterhaltungswert, ich kann mich nicht beklagen...

Life, Chop Suey

feingehackt und grob gewürfelt

Frau A.

Wohnt auf einer nahezu flachen Insel. Mag Kinder, Viren und Hunde. Kann Kühe melken. Stiehlt mit Vorliebe und einer Nikon SLR die Seelen der sie umgebenden Menschen. Würde gerne dreisprachig sein. Verehrt Hugh Laurie. Liebt schnöde amerikanische Fernsehserien, britischen Humor und kluge Bücher. Ist nach aussen nett und nach innen sarkastisch-misanthropisch. Hat ein Zweitgehirn und ist verschwestert mit den uneineiigsten eineiigen Zwillingen der Welt. Wird nächstes Jahr einen Bestseller schreiben und in Frühpension gehen.

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Frau A. - 5. Jul, 21:38
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