"Can I stay here with you til the day breaks? There's something you should know, I ain't got no place to go. Can I stay here with you through the night time? I've fallen sad inside and I need a place to hide." (Ray LaMontagne - Can I Stay)
I.
Da begab es sich also, daß ich durch eine relativ absurde Verkettung von Zufällen und Umständen mit der Aufgabe betraut wurde, ein Benefizkonzert für eine namhafte britische Organisation auf die Beine zu stellen. Oh, das klingt nach Spaß! mag sich jetzt mancher Leser denken. Kacke, was hab ich mir da wieder aufschwatzen lassen! dachte sich Frau A., die von PR und dem damit verbundenen Arschgekrieche eigentlich relativ wenig hält. Bekanntlich muß wer A sagt, aber auch mindestens B sagen, und so musste durfte ich mit einer der populärsten Bands der westlichen Midlands in Kontakt treten, zu dem Zwecke, die Herren dazu zu nötigen überreden, bei besagtem Benefizkonzert den Headliner zu geben. Soweit wäre die Geschichte ja noch relativ unspektakulär, gäbe es da nicht den Trommler. Und sollten Sie sich jetzt fragen, was dieser impertinente Kerl schon wieder mit meinen PR Freuden zu tun hat, dann denken Sie noch mal genau nach.
Ja, der Trommler heisst nicht nur zum Spaß so, der trommelt tatsächlich beruflich. Und weil das Leben seltsame Wege geht, trommelt er in seiner Freizeit natürlich für die populärste Band der westlichen Midlands.
Weil ich nun erstens neugierig bin und zweitens emotional gefestigt und ausserdem höchst professionell, begann ich eine lebhafte Email-Kommunikation mit dem Gitarristen der Kombo, der sich für die Konzertidee sogleich erwärmte und sich auch sonst als herrlich unkompliziert und hilfsbereit erwies. Und so begab ich mich also zwecks Besprechung diverser technischer Details am Freitag in ein nettes Pub auf ein Konzert, um die Band kennenzulernen.
II.
Wenn man dem Ex nach sechs Monaten wiederbegegnet, dann gibts eigentlich nur ein Motto: umwerfend ausehen, cool bleiben. Das mit dem umwerfend aussehen gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht. In einem Anfall geistiger Umnachtung tropfte ich mir nämlich in letzter Sekunde eine ordentliche Portion Kontaktlinsenreiniger ins Auge, was wiederum dazu führte, daß ich selbiges unter höllischen Schmerzen mit 10 Litern Leitungswasser spülen musste. Nun mag ja ein knallrotes Auge in manchen Kulturkreisen als attraktiv gelten, meine Schönheit war jedenfalls einigermaßen beeinträchtigt, von meinem Selbstbewusstsein ganz zu schweigen. Eine Stunde, eine Flasche Salzlösung (fürs Auge) und einen doppelten Schnaps (für die Nerven) später, waren Aussehen und Ego gottseidank wieder hergestellt und unsere lustige Mädelspartie eierte im uralten Fiat und mit eineinhalbstündiger Verspätung dem Konzert entgegen. Und wie ich da so durch die Nacht schaukelte, war ich fast gar nicht mehr nervös.
III.
Hey, the guy over there is cute, man! freute sich meine australische Kollegin und rempelte mich aufmunternd an und da stand er, der Trommler, allein inmitten seiner Bandkollegen. Allein und müde und um Jahre gealtert. Mir schnürte es die Kehle zu. Weil Angriff nun oft die beste Verteidigung ist, drückte ich meiner Kollegin die Jacke in die Hand, atmete tief durch, machte drei Schritte nach links, und legte dem Trommler die Hand auf die Schulter. Von hinten, wohlgemerkt, um das Überraschungsmoment voll auszunutzen. Hey. sagte ich und sonst nichts. Er drehte sich um, konnte für den Bruchteil einer Sekunde nicht verarbeiten, wen er da zu sehen bekam, sammelte sich aber sofort wieder, und reagierte spontan und völlig überraschend, zog mich an sich heran und küsste mich rechts und links auf die Mundwinkel. Und ich horchte in mich hinein und fühlte...nichts. Seelische Anspannung erstickt tatsächlich jegliche noch vorhandene Zuneigung, zumindest temporär. Dem Kußintermezzo folgte der übliche Small talk, er wirkte fahrig und unsicher, ich wusste nicht wirklich, was ich sagen sollte. Du arbeitest ziemlich viel, oder? fragte er und es klang wie eine Feststellung. Myspace Status Updates sind wirklich ein Segen, dachte ich. Deine Nachricht hab ich übrigens bekommen. Die Geburtstagsnachricht? fragte ich und mußte fast lachen, angesichts der Tatsache, daß er auf besagte Nachricht nie geantwortet hatte und sich dafür jetzt auf seine unnachahmliche Art zu entschuldigen versuchte. Hattest du denn eine schöne Feier? Ja, war ganz gut. sagte er und es klang wie eine Lüge. Hm. Naja. Also ich geh dann mal und rede zwecks Gig mit dem P., das ist der da drüben, ja? fragte ich. Woher kennst du den P.? Welcher Gig? war der Trommler gleich alarmiert. Den kenn ich nicht (du Depp, sonst würd ich dich ja nicht fragen), aber mit dem muß ich jetzt mal reden. Wir sehen uns sicher später, bemerkte ich freundlich und machte, daß ich vom Acker kam.
IV.
Einen langen Abend, drei Bier und eine weitere Runde Small Talk später, stand ich einigermaßen betüdelt an der Bar und beobachtete den Trommler, der einsam an der Wand lehnte, während um ihn herum das Leben tobte und sich die Hauptband die Seele aus dem Leib spielte.
Was hat dich bloß so kaputtgemacht? dachte ich.
Wann hast du aufgegeben, du verdammter Idiot? Kannst du nicht einfach glücklich sein?
Wieso bist du auf einmal so traurig? fragte meine Kollegin und schaute mich aufgescheucht an.
Laß uns gehen. sagte ich.
V.
Gehst du?
Ja. Muß morgen früh raus.
(Fahriger Kuß auf den Mundwinkel. Undeutbarer Blick.)
Wir sehen uns.
Ja, klar.
VI.
Scheiß Empathie.